Nach 6 Wochen und 3 Tagen: „Ich kann nicht mehr.“ #coronatagebuch #coronaeltern

Am letzten Donnerstag saß ich über 30 Minuten lang wie gelähmt am Frühstückstisch.

Der Mann war im Büro. Ich hörte die Kinder lachend über den Flur laufen.

Aufstehen, Tisch abdecken. Ging irgendwie nicht. 

Entscheiden, was wir am Vormittag machen wollen. Konnte ich nicht.

Einen Gedanken fassen, der nicht in tausend anderen endete. Unmöglich.

Das Gedankenkarussell unterbrechen. Ebenso.

Mein Herz fing an zu rasen, obwohl ich einfach nur da saß. Es war noch nicht mal 9 Uhr. Der Tag würde noch ewig dauern und ich hatte keinen Plan. Keine Ideen.

Ich hatte einfach keine Kraft mehr!

coronatagebuch, coronaeltern, mental load, Muttersein, familiengedoens,

Die Kinder kamen angezogen zu mir herunter, fragten ob sie ausnahmsweise schon morgens fernsehen dürfen. Ich war in meiner Starre fast geneigt zuzustimmen, doch endlich machte es klick. „Wir gehen lieber raus. Das würde mir jetzt gut tun.“ sagte ich zu den beiden und endlich bewegte mein Körper sich auch tatsächlich.  

Die frische Luft, Bewegung und zwei lachende Elsen im Bollerwagen waren meine Rettung für diesen Tag. Doch ich wusste: Das wird nicht jeden Tag funktionieren. Wir müssen etwas ändern!

„Du hast es doch noch gut“, höre ich sofort jemanden schreien. „Du hast kein Homeschooling oder einen Arbeitgeber an der Backe, der Druck macht.“ Aber wisst ihr was? An vielen Tagen wünschte ich mir genau das. Aufgaben, klare Ansagen, Termine, Fristen! Einen Plan, den ich nicht selbst vorher schmieden muss. Und das Tag für Tag, neben dem Versuch zu arbeiten & zu studieren.

Der Tag mit den wachen Kita-Kindern ist so verdammt lang, die produktiven Abendstunden – meine Zeit – wenn sie schlafen, hingegen so unfassbar kurz. Die motivierte Phase, in der der Bastelschrank freudig geplündert wurde und uns die Ideen bei Pinterest und co schon von weiten angelacht haben, ist definitiv vorbei. Die Zeit, in der den Mädels das in den Tag hineinleben gut tut, ebenfalls.

Ich dachte tatsächlich, da der Mann gerade viel im Homeoffice arbeitet, wären wir in Sachen Mental Load viel besser aufgestellt als noch vor einigen Monaten. Ein Irrglaube.

Ich plane. Ich organisiere. Ich erledige viel Alltägliches „nebenbei“. Ich arbeite mit den Kindern im Homeoffice oder versuche mich alternativ irgendwie an die familiäre Situation anzupassen. Ich verzichte und sobald ich merke, dass jemand mit der Situation unzufrieden ist, tue ich mehr und verzichte mehr.

W I R   M Ü S S E N   E T W A S   Ä N D E R N !

Es wurde immer lauter in mir. Ich sah einfach keine Möglichkeit, mich selbst noch einen Millimeter weiter nach links oder rechts zu verbiegen.

Ich sprach Worte aus, die einfach klingen und mir dennoch so schwer gefallen sind. „Ich kann das so nicht mehr. Ich kann mich nicht länger so anpassen. Ich kann mich nicht länger für alles verantwortlich fühlen – nur nicht für mich.“

Emotionale Tage liegen seitdem hinter uns. Beim Schreiben zieht sich mein Herz regelrecht zusammen. Doch ich spüre auch eine wahnsinnige Erleichterung. Darüber, dass ich endlich die richtigen Worte für meine Gefühle gefunden habe. Darüber, dass ich selbst wieder klarer mit mir bin. Darüber, dass wir einen Plan haben – einen Plan, den ich nicht alleine schmieden musste!

 

4 Gedanken zu “Nach 6 Wochen und 3 Tagen: „Ich kann nicht mehr.“ #coronatagebuch #coronaeltern

  1. Oh man Kerstin. Genau so ging’s mir vor 4 Tagen.
    Da musste der Mann spontan einen halben Tag Urlaub nehmen und ich musste raus und stundenlang aufs Wasser starren.. Dann ging’s. Zumindest vorübergehend. Wir haben Auch weder Homescooling, noch muss ich arbeiten und trotzdem fühlt sich diese wochenlange Dauerbelastung ohne Pause an wie ein Marathon.
    Mein Lichtschweif am Horizont ist, dass wir in einer Woche Rollen tauschen. Ich darf arbeiten und der Mann macht Elternzeit.
    Dir wünsche ich viel Kraft, Ruhe heraus zu finden was du in dieser Situation brauchst und den Mut das letztlich einzufordern!

    Gefällt 1 Person

    • Ich habe gestern so viele Nachrichten wie noch nie von anderen Müttern erhalten, die mir geschrieben haben, wie es ihnen gerade geht. Wir sind da echt keine Einzelfälle. Ich wünsche dir sehr, dass du das Arbeiten mit andere Erwachsenen genießen kannst, laut singst auf dem Weg zur Arbeit oder einfach die Ruhe genießt. 🙂

      Liken

  2. Seit gestern bin ich auch wieder im Homeoffice, nur 28 Stunden, aber auch die sind in diesen Tag irgendwie so viel … ich drücke euch alle Daumen für euren Plan! Ich bin ebenfalls am überlegen, was man tun könnte. Die Situation ist für Eltern echt ätzend.

    Gefällt 1 Person

    • 28 Stunden sind echt Wahnsinn. Ich versuche 15 Std. arbeiten und mindestens 5 fürs Studium auf die Reihe zu bekommen und scheitere fast jede Woche bisher daran. Ich bin selbst gespannt, mit Plan aber definitiv wieder motivierter.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.